Historische Fenstergläser als erhaltenswerte Bausubstanz?

Dresdner Denkmalfachtagung 2024

Foto: Landeshaupstadt Dresden/Robert Michalk

Vom 27. bis 29. Mai fand in Dresden die Denkmaltagung 2024 statt, bei der Heiko Schanze von der Sollingglas Bau und Veredelungs GmbH & Co. KG einen bemerkenswerten Vortrag zum Thema „Historische Fenstergläser als erhaltenswerte Bausubstanz?“ hielt.

In seinem Vortrag beleuchtete Schanze die Bedeutung und die Herausforderungen der Wiederverwendung historischer Verglasungen in der Denkmalpflege.

Ist-Situation und Herausforderungen

Schanze hob die aktuellen Schwierigkeiten bei der Wiederverwendung historischer Verglasungen hervor. Die Scherben von historischem Glas, die oft aufgrund ihrer Zusammensetzung nicht recycelbar sind, landen meist auf der Deponie (ift Rosenheim, 2019). Auch eine Weiternutzung der Scheiben im denkmalgeschützten Gebäude findet derzeit nicht statt.

11% der globalen CO2-Emissionen entstehen bei der Baustoff-Herstellung (BAUWENDE_eV, 2021), was die Notwendigkeit eines Umdenkens verdeutlicht. Besonders problematisch ist, dass historisches Glas aufgrund seiner einzigartigen chemischen Zusammensetzung nicht in den modernen Recyclingprozess für Flachglas eingebunden werden kann.

Bauwende auch für historische Verglasungen?

Historische Bedeutung und Herstellungstechniken

Glas hat eine beeindruckende Geschichte, die bis zu 7.000 Jahre zurückreicht. Von den ersten Glasperlen über römische Fensterscheiben bis hin zu den großflächigen mundgeblasenem Glas des Kristallpalasts in London – die Herstellungsmethoden haben sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich weiterentwickelt.

Historisches Glas zeichnet sich durch eine einzigartige Optik und Handwerkskunst aus, die in modernem Floatglas nicht reproduziert werden kann.

Durch die Einführung der Ziehverfahren und daraus resultierenden größeren Produktionsmengen (etwa Faktor 1.000) in der Herstellung von Glas, kam es in den 1920er Jahren zu einem großflächigen Glashütten-Sterben in Deutschland und Europa sowie zum Verschwinden von mundgeblasenem Glas aus der Fensterglas Herstellung.

Karte: Deutsche Glasindustrie 1926 - Rohstoffe und Standorte

Technologische Entwicklungen und Fallstudien

Schanze präsentierte auch aktuelle Restaurierungsprojekte und Fallstudien. Unter anderem die „Fallstudie Dresden-Trachau: Bestandsuntersuchung historischer Gläser und Konstruktionen“, die im Rahmen des MatGlas-Projekts (MatGlas, 2021-2024) entstanden ist. Hier zeigte sich, dass nur ein geringer Anteil der historischen Gläser nach der Renovierung erhalten blieb. Gerade einmal 5,3% des Bestands sind erhalten geblieben (1,6% historisches Glas, 3,8% bauzeitliches Glas) (Gutjahr, 2022). Er fordert daher eine stärkere Berücksichtigung der historischen Verglasungen in der Denkmalpflege, sowohl aus ökologischen als auch aus kulturellen Gründen.

Über Werbung und behördliche Vorgaben werden Fenster oft ausgetauscht, anstatt sie zu restaurieren und zu erhalten. Diese Praxis zerstört erhaltenswerte historische Materialien und ignoriert die CO2-Bilanzvorteile der Restaurierung gegenüber dem Austausch. Studien haben gezeigt, dass es aus ökologischer Sicht besser ist, alte Fenster zu erhalten und zu überarbeiten, als sie zu ersetzen.

Was passiert mit historischem Glas?

In der heutigen Restaurierungspraxis wird historisches Glas fast immer durch modernes Floatglas ersetzt, was den ursprünglichen Charakter der Fassaden unwiederbringlich verändert. Nur ein kleiner Teil der historischen Verglasungen wird durch neu hergestelltes historisch anmutendes Glas (z. B. aus der Glashütte Lamberts, Waldsassen) ersetzt, während das Originalglas auf der Deponie landet.

Eine systematische Aufarbeitung und Wiederverwendung der historischen Verglasungen im ursprünglichen Fenster findet leider derzeit nicht statt. Die Fenster werden aufgearbeitet, aber das Glas vernichtet. Hier wird aufgrund der Kosten – die auf dem Niveau von neu herzustellendem mundgeblasenem Glases liegen – auf eine Aufarbeitung verzichtet.

Um dies zu ändern, müssen neue Wege in der Forschung und Entwicklung beschritten werden.

Zentrale Forderungen an die Wiederverwendung

  1. Erhöhung des Stellenwertes historischer Verglasungen
  2. Änderungen in der Vergabepraxis für historische Verglasungen
  3. Forderung nach Wiederverwendung und ganzheitlicher Betrachtung von Gebäuden

Vergleich von historischem und modernem Glas

Durch eine Schattenbilddarstellung wurde der Unterschied zwischen historischem und modernem Floatglas verdeutlicht.

Historisches Glas verleiht Fassaden und Innenräumen ein lebendiges Erscheinungsbild, während modernes Floatglas oft kalt und unpassend wirkt, was zu einem sogenannten „Locheffekt“ führt. Das heißt, die (mit Floatglas ausgestatteten) Fenster wirken in der Außenansicht eines Gebäudes wie dunkle Löcher.

Lösungsansätze und Pilotprojekte

Abschließend betonte Schanze die Notwendigkeit, den Stellenwert historischer Verglasungen zu erhöhen, die Vergabepraxis im Denkmalschutz zu ändern und die Wiederverwendung zu fördern. Dazu gehört auch die Entwicklung neuer Technologien, die eine wirtschaftliche und funktionale Wiederverwendung ermöglichen. Pilotprojekte zeigen bereits vielversprechende Ansätze.

Sollingglas steht als Partner bereit, um diese innovativen Ansätze weiterzuentwickeln und die Wiederverwendung historischer Verglasungen voranzutreiben.

Whitepaper: Wiederverwendung (Re-Use) von historischem Glas in der Restaurierung

Möglichkeiten, Prozesse und Abläufe die notwendig sind, um dieses Glas überhaupt einer Wiederverwendung (Reuse) sinnvoll zuführen zu können, hat Dr. Lothar Herlitze, Leiter Forschung und Entwicklung bei Sollingglas, in einem Whitepaper zusammengefasst, das unter folgendem Link zum Download zur Verfügung steht: Wiederverwendung von historischem Glas (sollingglas.de)

FAZIT

Die Resonanz auf unseren Vortrag war überwältigend und durchweg positiv – vielen Dank dafür! Verbunden mit dem Feedback, war stets die eindringliche Bitte, an dem Thema dranzubleiben.

Dieser Bitte kommen wir gerne nach.

Im Nachgang zur Tagung wird ein Arbeitskreis aus Tagungsteilnehmern eine programmatische „Dresdner Erklärung“ zum Umgang mit dem Bestand erstellen.
Wir von Sollingglas werden uns dafür einsetzen, dass der Stellenwert historischer Verglasungen und deren Bedeutung für die Bauwende darin verankert wird.

Unsere Bitte an Sie: unterstützen Sie uns dabei das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, um das Bewusstsein für die Erhaltung und Wiederverwendung dieses einzigartigen historischen Materials zu schärfen.

Aktuell sind wir auch noch auf der Suche nach Pilotprojekten für die Umsetzung und für längerfristige Forschungsarbeiten. Ein entsprechendes Förderprojekt – das in Zusammenarbeit mit Universitäten, Instituten und weiteren KMU-Partnern durchgeführt wird – befindet sich in der Vorbereitung.

Sprechen Sie über das Thema – machen Sie aufmerksam. Wir sind gerne für Sie da, wenn Sie Fragen haben, tiefer in das Thema einsteigen möchten oder Interesse daran haben ein Pilotprojekt mit uns umzusetzen.

Teilen Sie diesen Beitrag auch gerne in und mit Ihren Netzwerken.

Quellen- / Literaturverzeichnis

BAUWENDE_eV. (2021). Factsheet: Die graue Energie: Der entscheidende Hebel für Klimaschutz beim Bauen.

Gutjahr, A. (November 2022). Diplomarbeit: Glas und Glaskonstruktionen zur Zeit der Hochmoderne im Stadtgebiet Dresden-Trachau.

ift Rosenheim. (2019). ift-Forschungsbericht „Recycling von Flachglas im Bauwesen“.

MatGlas, D. (2021-2024). „MatGlas“: Materialität und Authentizität von Glas und Glaskonstruktion im Bauwesen der Hochmoderne: eine baukonstruktive und restaurierungswissenschaftliche Bestandsaufnahme und Analyse von Material und Konstruktion.